Jul 202005
 

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liebe hoffentlich außerordentlich stolze Eltern und Anverwandte sowie Freunde, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe MitarbeiterInnen, liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Gäste!

Zunächst erst einmal meinen herzlichen Glückwunsch zum bestandenen Abitur – wir, d.h., Lehrerkollegium und Schulleitung, freuen uns mit Ihnen und sind zugleich außerordentlich stolz auf Sie alle. Wir freuen uns auch darüber, dass Ihr Jahrgang es auch im dritten Jahr des angeblich so viel schärferen und objektiveren Zentralabiturs geschafft haben, den ‚Schnitt’ zu halten, also im langjährigen Durchschnitt der Ergebnisse unserer Schule – ob mit oder ohne Zentralabitur – zu bleiben. Damit liegt auch erneut ein empirischer Beweis dafür vor, dass Sie sich und wir uns mit den erreichten Leistungen nicht verstecken müssen – kurz gesagt, wo Goethe draufsteht, da ist auch viel Goethe drin.

Alles andere hätte uns auch sehr gewundert – schaffen doch die Franzosen das Zentralabitur gerade ab, und zwar in der öffentlichen Debatte mit genau dem selben Argument, mit dem man es in Deutschland eingeführt hat – zur angeblichen Qualitätssteigerung! Ja, damit haben dann die Politiker hüben wie drüben ihre Kompetenz bewiesen, bwenn man schon nicht mehr Geld für die Bildung ausgeben will, hat man doch über ein saftiges Messprogramm und viele kostenneutrale Veränderungen nachgewiesen, dass das auch gar nicht nötig ist. Gut, das ist nicht das einzige Paradox, dass uns Deutsche mit den Franzosen verbindet, nein neuerdings fahren unsere Superschnellzüge auf den Gleisen der jeweils anderen Nation – der TGV hüben und der ICE drüben und vielleicht gibt ja die Lösung für die Frage des Notschalters in den jeweiligen Lokomotiven im Verbund das Vorbild dafür ab, wie man die Abiturfrage künftig regeln sollte – während im TGV dieser Schalter links war und im ICE rechts, ist in der europäischen Lösung – ich sehe, Sie ahnen es – auf jeder Seite ein Schalter. Allerdings kostete die gesamte technische Anpassung pro Triebzug mal eben die lächerliche Summe von 8 Millionen Euro – man kann sich aber damit trösten, dass zumindest hier in umweltfreundliche Verkehrsmittel investiert wurde. Bleibt die Frage, welche Umwelt durch die 500 000 € Mehrkosten des Zentralabiturs pro Jahr in Hamburg freundlicher gestimmt wurde. Soviel zu diesem letztmalig von mir bemühten Eingangsthema.

Züge und Bahnhof waren auch vor nicht allzu langer Zeit das Thema in diesem schönen Haus, dessen Namen ich auf ausdrücklichen Wunsch des Festkomitees heute in meiner kleinen Ansprache nicht benutzen werde, aber es war schon recht symbolträchtig – jedenfalls fiel mir dabei spontan Ihr Abitur ein – als eine von Ihnen – die zufälligerweise für eine Zeit in Frankreich zur Schule gegangen ist – in der jüngst gesehenen Revue einer der von uns allen geschätzten automati-schen Warteschleifen die passende Fahrkarte abzuringen versuchte. Symbolträchtig insoweit, da es Ihnen unter Umständen auch so geht in einer Phase Ihres Lebens, wo Sie jetzt angekommen sind an der Endstation des Goethe-Expresses und nun auf den Anschlusszug warten. Die Fahrt bis hier war sicher nett, mal schläferte einen das ewige Rattern von Stoffen, Lehrern und Mitschülern ein, es huschten die Bilder von Klassenräumen, Klassenarbeiten oder Klassenreisen vorbei, nur manchmal wurden einige durchgeschüttelt, aber die meisten konnten ohne Umsteigen diesen Zielbahnhof erreichen. Und auch die Zugbegleiter und Servicemitarbeiter haben Sie in aller Regel mit größtem Zuvorkommen bedient, wofür diesen erst einmal ein herzliches Dankeschön gebührt. Und damit sind neben den vielen Lehrkräften insbesondere unsere Hausmeisterei und vor allen Dingen die Damen aus dem Büro gemeint – Frau Brüggen und Frau Kühn!

Lediglich der Speisewagen war noch nicht angehängt – aber dafür wird bei allen künftigen Verbindungen auf dieser Strecke gesorgt – wie man hier und heute ja schon sehen kann. Stattdessen hat sich aber bei Ihnen die Anschlussberatung – genannt Berufsorientierung – also Frau Otten und die Ihren – dankenswerterweise ungemein ins Zeug gelegt – also an einer mangelnden Information und Beratung über die weitere Lebensreise kann es nicht gelegen haben, wenn man jetzt nicht so recht weiß, wie es weitergeht.

Aber selbstkritisch auf uns Professionelle gewendet, könnte das auch heißen, dass wir Sie an der einen oder anderen Stelle zuviel geführt haben, anstatt Sie selbstständig mit vollem Risiko laufen zu lassen, was manchmal auch an der sprichwörtlichen Wand enden könnte. Dies Lehrerverhalten ist allerdings unsere ‚Deformation professionelle’ und beschreibt die Unmöglichkeit, die Begleitung vom unmündigen Kindsein zum mündigen Erwachsenen stets entwicklungsangemessen zu organisieren, wobei noch hinzu kommt, dass diese Entwicklung unter den uns Anvertrauten trotz relativer Gleichaltrigkeit von Fall zu Fall ganz unterschiedlich verläuft. Und wenn man dann hier am Goethe-Gymnasium noch für manche z.T. andernorts – na sagen wir mal ‚Fehlangepasste’ – auch eine Auffangmöglichkeit bereitstellt, so ist klar, dass damit diese Aufgabe nicht einfacher wird. Dieser Hintergrund beleuchtet dann vielleicht auch, dass viele von Ihnen, wie eine Befragung jüngst ergeben hat, nicht nur trotz, sondern auch genau deswegen bildlich gesehen auf einen Anschlusszug warten.

Obendrein hat der eine oder andere von Ihnen auch schon vergleichbare Erlebnisse mit Warteschleifen tatsächlicher Art oder im übertragenen Sinne hinter sich bringen müssen. Und manche haben sicher auch das Gefühl gehabt, dass dort draußen irgend etwas falsch pro-grammiert ist, wenn man die behütenden Erfahrungen am Goethe-Gymnasium zugrunde legt und die ‚verstehen’ dann in der Tat nur ‚Bahnhof’. Aber verweilen Sie nicht zulange im Schrecken auf diese Verunsicherung, sondern begreifen Sie diese als systematisch – denn die Zeit der Sicherheit ist mit dem Moment jetzt gleich – der Überreichung des Abiturzeugnisses – definitiv vorbei, auf die dreizehnte Klasse folgt keine weitere, sondern nur ein Strauß von Möglichkeiten, und wie bunt der ist, das hängt von Ihnen ab – nur Sie sollten diese beim Schopfe packen, bleiben Sie also nicht im Wartesaal sitzen.

Sich anlässlich Ihres Abiturs mit der Bahn zu beschäftigen, macht allerdings auch aus einem zweiten Grund durchaus Sinn. Gerade haben sich die Mächtigsten der Welt nur – im Weltmaßstab gesehen – unweit von hier getroffen und sich zu ziemlich unverbindlichen Absichtserklärungen genötigt gesehen – bei vielen der beteiligten Politiker ist offenbar die Verantwortung in der Frage des Klimawandels und damit der nachwachsenden Generationen noch nicht voll angekommen. Da wird noch der Arbeitsplatz der Autoworker an den spritsaufenden Geländewagen für den Stadtverkehr als wichtiger erachtet als die Milliardenkosten, die unterlassener Umweltschutz ihrer Generation und vor allen Ihren Kindern aufnötigen wird. Und wenn eine Bahnfahrkarte von Hamburg nach München heute dreimal soviel wie ein Flugticket kostet trotz reziproker CO2-Bilanz, dann haben wir, nein wahrscheinlich vor allem Ihre Generation und damit Sie noch eine Menge zu tun, die sonst so hoch gelobte Marktwirtschaft gerade auch in diesem Punkt zur Durchsetzung zu verhelfen. Man könnte doch schon fast daran denken, den Straftatbestand der unterlassenen Politikerleistung zu kreieren, wenn man sieht, dass wir im Internet uns haarklein ausrechnen lassen können, was unser jeweiliges Verhalten – ob Reisen oder sonst etwas – für Umweltfolgen erzeugt, aber entsprechende staatliche Steuerungen – Fehlanzeige. Und die Krone sind dann moralinsaure Ablasszahlungen, mit denen wir uns ein paar Urwaldbäume zusammenspenden können. Unser Tüv-plakettennormiertes Staatssystem schafft es mittlerweile sogar zu regeln, dass aber auch der letzte spitze Zahnstocher oder ein Aftershavefläschchen mit 150 Millilitern aus Sicherheitsgründen in einer hübsch mit dem entsprechenden Paragraphen aus dem BGB – Eigentumsverzicht – verzierten Tonne beim CheckIn landet, aber wir schaffen es nicht, die tatsächlichen CO2-Kosten auf die Verursacher umzulegen und damit umweltgerechtes Verhalten zu erzeugen.

Man muss es ja schon fast als Panne bezeichnen, dass die Politik in diesem Bereich manchmal auch intelligente Gesetze macht, wie seinerzeit 1972 in Baden-Württemberg, als man be-schloss, das Einleiten von ungeklärten Abwässern in Flüsse jedes Jahr steigend mit 3 DM pro Kubikmeter zu belasten. Klingt auf den ersten Blick völlig harmlos. Bei genauerem Überlegen brauche ich Ihnen aber die Antwort auf die Frage nicht zu geben, weswegen es in Deutschland praktisch keine Gemeinde ohne Kläranlage mehr gibt.

Sie sehen also, Sie haben später noch viel zu tun und es wird Ihr Job sein, alle diese Versäumnisse zu korrigieren und dem Verursacherprinzip in jeder Hinsicht zur Durchsetzung zu verhelfen, indem man es fördert und einfordert und der gute alte Volksmundspruch abgewandelt wird in ‚Not lernt rechnen’.

Weil gegenwärtig unsere Entscheider in Politik und Gesellschaft aller-dings die Zeit mit Zuwarten und Vertagen vertrödeln, gibt es noch einen dritten Bereich, den ich angelehnt an die Bahnmetaphorik Ihnen heute mit auf den Weg geben möchte – sei es, dass Sie sich darauf einstellen können, sei es dass Sie diesen Prozess mit gestalten wollen. Die Macher der worst-case-Szenarien in der Klimafrage sagen nämlich einhellig, dass die staatlichautoritären Eingriffe umso radikaler ausfallen werden müssen, je länger man zuwartet. Was könnte das heißen – für uns alle?

Auf den Punkt gebracht wird es also – später – ziemlich viele Regeln und Vorschriften geben müssen, wo den Menschen knallharte Grenzen gesetzt werden, damit aus den 46 Grad in Griechenland von vor-gestern nicht noch größere Hitzewellen mit entsprechenden Folgen werden, die ich in Anbetracht des freudigen Tages nicht ausmalen will. Schließlich sind wir zusammengekommen, um zu feiern und sich mit Ihnen zu freuen. Nur sei dieser Blick in die Zukunft gerade in diesem Moment erlaubt, denn beim Stichwort ‚autoritär’ sollten wir alle und insbesondere Sie, die anders als meine Generation in einer nie erreich-ten Freiheit aufgewachsen sind, sehr hellhörig sein. Bekenntnisse zur liberté sind schnell in Parteiprogrammen niedergelegt, aber was ist mit den anderen Eckwerten, wie sie an der Wiege der heutigen Demokratie gefordert wurden, wie Brüderlichkeit oder gar egalité? Denn bezogen auf den ausstehenden Regelungsbedarf ist es schon recht ent-scheidend, wie und vor allen Dingen wem die Grenzen in unserer Zu-sammenleben, in unserer Gesellschaft aufgezeigt werden, ob es also bildlich vereinfacht gesehen, erlaubt wird, an sein ultralarge vehikel noch eine weitere Rammstoßstange anzubauen, um mögliches Wild aus dem Wege zu räumen, oder ob dem 3-DM/Eurogedanken zur Durchsetzung verholfen wird.

Auch zur Lösung dieser Frage gab die dargebotene Revue ein paar Fingerzeige, denn der im Mittelpunkt stehende Wartesaal ist nämlich im Prinzip eine verdammt demokratische Einrichtung und ist – wenn es vereinzelt auch schon VIP-Bereiche gibt – eigentlich ziemlich egalitär angelegt. Wie neulich auch wunderschön in Szene gesetzt, bei fehlendem Anschlusszug werden Banker und Rentner, Schulklassen und Punks nämlich gleich behandelt – alle müssen gleichermaßen warten, man muss zusammenrücken, auf den anderen zugehen, aber ihn auch irgendwo ertragen oder ihn gegebenenfalls auch mitnehmen oder helfen. Ein Wartesaal ist in der Tat aber auch ein bisschen autoritär, er bietet anders als die totale Freiheit, die entsprechend des heutigen Zeitgeistes einem bei echten Reisen oder auch bei virtuellen im Inter-net angeboten wird, nur sehr begrenzte Möglichkeiten für den Aufenthalt oder das Weiterkommen.

Aber er hat einen ungeheuren Vorteil – er ist in aller Regel kommunikativ. Gerade weil man sich nicht in virtuellen Realitäten eines second life verstecken kann, sondern unmittelbar dem anderen gegenüber sitzt, lädt er zum Gespräch, zum Austausch darüber ein, wie es wei-tergeht. Und wenn man mit anderen sich im selben Raum befindet, funktioniert auch der ureigene menschliche Trieb, sich in Notlagen gegenseitig zu helfen, fast wie von selbst. Und hier genau liegt Ihre Aufgabe für die Zukunft: Wie kann man im Zeitalter der Globalisierung solche virtuellen oder realen Räume der Kommunikation schaffen, mit denen Meinungsmacht erzeugt wird, die Ungerechtigkeiten anprangern, die gegen undemokratische und staatsautoritäre Wege sich zur Wehr setzen können, die Hilfe organisieren und die die wachsende Ungleichheit bekämpfen? Die technischen Möglichkeiten dazu sind mittlerweile längst da, man muss sich nur entsprechend vernetzen.

Denn es geht um die Bewahrung dessen, was Sie bis heute – an dieser Schule aber auch anderswo – genießen durften, um die Bewahrung der Freiheit. Aber Freiheit kann nicht für sich allein bestehen – es handelt sich schließlich um einen zutiefst sozialen Begriff – findet die eigene Freiheit doch stets ihre Grenze an der Freiheit des anderen.