Sep 172007
 

Insgesamt vierzehn Tage und neuneinhalb Stunden waren wir unserer geliebten Heimat fern. Begonnen hatte unsere zweiwöchige Studienfahrt an einem üblich kühlen und verregneten Hamburger Samstagmorgen, mit einer Busfahrt quer durch Deutschland, die Schweiz und Italien, bis wir nach einer zusätzlichen Fährfahrt und insgesamt achtundzwanzig Stunden Fahrt, auf der warmen und sonnigen Mittelmeerinsel Korsika ankamen. Unsere Körper dankten es uns, als wir sie von den Strapazen der langen Busfahrt befreiten und auf einen Campingplatz bei Corte, zum ersten Mal und hier noch mit Begeisterung, unser Übernachtungslager aufbauten. Acht Zeltaufbauten später, sah es dann mit der Begeisterung schon anders aus, doch zunächst zurück zum Anfang. Den bereits angebrochenen Tag nutzen wir dazu, Erkundungen rund um die Wassertemperatur des nahe gelegenen Baches einzuholen oder um unsere von der Fahrt ausgehungerten Mägen, mit den schmackhaftesten Gerichten der vor unseren Zelttüren gelegenen Stadt, zu füllen.

Keine vierundzwanzig Stunden später befanden wir uns bereits auf unserer ersten Wanderung durch die korsischen Berge, wenn dieses Mal auch nur für wenige Stunden und mit leichten Gepäck, trotz alledem war es eine schweißtreibende Angelegenheit, bei gefühlten vierunddreißig Grad Celsius in der Sonne. Ein Teil der Gruppe hielt dem Anblick der wunderschönen Berge nicht stand und konnte nicht anders, als nach einer gemeinsamen Pause bei der Wanderung den Rücktritt anzutreten, um wenig später bereits in steiler Wand zu hängen und die eigenen Kletterkünste an echtem korsischen Fels zu erproben.

Der angekündigte Ernst des Lebens oder zumindest der dieser Reise, begann am fünften Tag nach einer wilden, achterbahnähnlichen Kleinbusfahrt mit einem freundlichen, jedoch auch sehr wagemutigen, korsischen Fahrer, durch die schmale und kurvige Bergstraße, welche zum Startpunkt unserer Dreitageswanderung führte. Zum Beginn der Wanderung waren alle noch frohen Mutes und noch schienen auch die Rucksäcke nichts zu wiegen, doch innerhalb der nächsten Höhenmeter änderte sich das schlagartig und das Wandern zeigte uns sein wahres Gesicht. Die Anstrengung der Aufstiege spürte man in den Beinen, die der Abstiege in den Knien, lediglich die ebenen Strecken führten zu weniger Beschwerden, nur in diesem „hügeligen“ Land, gab es, zum Bedauern vieler, recht wenige davon. Durch dichte Wälder, vorbei an tiefen Schluchten, über hohe Pässe, auf schmalen Wanderwegen, dort trafen wir Mitten in dieser Wildnis auf… Nichts. Die einzigen Bewohner grasten auf den kahlen Weiden oder waren die Besitzer dieser Bewohner, welche vereinzelnd in kleinen Berghütten, gut getarnt inmitten der felsigen Umgebung, ihren Käse und Wein an die vorbeiziehenden Wanderer verkauften.

Genächtigt haben wir auf unseren Touren bei so genannten Hütten, welche häufiger nicht mehr waren, als kleine Holzhütten ohne Strom, mit einem Waschhäuschen nebenan und ohne warmen, dafür aber mit fließend eiskaltem Wasser. Verschwitzt, erschöpft, zerkratzt und zerbeult, aber ganz besonders stolz und glücklich, erreichten wir alle zusammen nach drei Tagen das Ziel der Wanderung, Corte.

Am zehnten Tag gab es dann die Fortsetzung, mit etwas mehr Anstieg, etwas mehr Abstieg, etwas mehr Schweiß und massig mehr Abenteuer, was die Übernachtungen angeht. Übernachtung gab es im Grunde nur eine, die hatte es dafür aber auch in sich. Noch am späten Abend betrachteten wir bei wolkenfreiem Himmel den klaren Sternenhimmel, suchten unsere Nachbargalaxie und bestaunten die Monde des Jupiters, ohne Vorahnung dessen, was sich wenige Stunden später zutragen sollte. In dieser Nacht hatten wir einige Verluste. Am nächsten Morgen lagen fünf oder mehr Zelte mit gebrochenen Stangen oder einfach erschöpft von dem Sturm der letzten Nacht, flach auf dem Boden, die Bewohner waren in eine mehr oder weniger windgeschützte Ecke, hinter einige Felsen geflüchtet. Die Bewohner der anderen Zelte haben die Nacht ebenso schlaflos damit verbracht, dass ihre Zelte nicht auch in einen derart erbärmlichen Zustand gelangen und trugen dafür Kilogramm über Kilogramm an großen Steinen an, um damit ihre Zelte zu sichern.

Die Tage zwischen und nach den abenteuerlichen Wandertouren verbrachten wir mit Campingplatzaufenthalten an der Küste, an zwei wunderschönen, einsamen Stränden mit – etwas Fantasie – schneeweißem Sandstrand und karibikblauem Meer, mit einem Volleyballturnier oder eben mit „Einfach mal nur entspannen und nichts tun“, oder wir saßen in unserem Fidibus, der durch mehrere Werkstadtaufenthalte oder sonstige Wehwehchen uns einige Probleme beschert hatte, welchen wir aber trotzdem in unser Herz geschlossen hatten und wir für nichts in der Welt hätten eintauschen wollen, und fuhren mit ihm durch das kurvige Land.

Nun, wo die Zivilisation uns wieder hat und wir langsam wieder beginnen mit Besteck am Tisch zu essen und uns regelmäßig mit warmen Wasser waschen können, trauern wir mit weinendem Herzen dieser Studienfahrt nach und obwohl wir alle, oder zumindest die meisten, an unsere Grenzen gingen und uns so manches Mal nicht zu Lachen zu Mute war, hatten wir alle, als Gruppe, doch sehr viel Spaß und gegen keine andere Studienfahrt, hätten wir unsere Abenteuer-Erlebnis-Wander-Studienfahrt eintauschen wollen. Vielen Dank auch an die Lehrer, dass sie häufig so rücksichtsvoll mit uns waren, wenn wir mal wieder nur rumgejammert haben, darauf hin die Wanderroute geändert wurde und wir anschließend trotzdem weitergejammert haben. Wir SchülerInnen sind eben nicht so einfach glücklich zu bekommen, doch im Ganzen ist dies sehr gut geglückt.

(Andrea Wietz, S 3)