Jun 172012
 

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liebe hoffentlich außerordentlich stolze Eltern und Anverwandte sowie Freunde, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe MitarbeiterInnen, liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Gäste!

Zunächst erst einmal meinen herzlichen Glückwunsch zum bestandenen Abitur – wir, d.h., Lehrerkollegium und Schulleitung, freuen uns mit Ihnen, dass Sie mit Ihren Leistungen das lange angestrebte Ziel erreicht haben, erfolgreich das Abitur am Goethe-Gymnasium ›zu bauen‹. Und  dieser Erfolg – sieht man von denen ab, die heute aus ihrer Stufe hier nicht sitzen – wurde zum wer-weiß-wievielten Mal nacheinander mit einem recht beachtlichen Durchschnitt von 2,4 erreicht, wobei insgesamt 19 von Ihnen eine 1 vor dem Komma haben und erneut und zum 5. Male in Folge es eine Absolventin mit dem Traumergebnis von 1,0 gibt – großer Applaus für all die Spitzenleistungen und insbesondere an Malin!

Mich selbst freut das ganz besonders, denn Sie sind mein persönlicher Jubiläumsjahrgang, bin ich doch seit dem 27. Mai genau 10 Jahre an dieser Schule als Schulleiter tätig und so sind Sie also nicht mein zehnter, sondern mein 11. Abiturjahrgang –  die Mathematiker unter Ihnen können das Problem sicher schnell lösen. Also dürfte ich auch die allermeisten von Ihnen seinerzeit bei der Einschulung begrüßt haben – natürlich noch nicht in dieser modernen Aula, sondern drüben in der Pausenhalle, nur dass damals einige mehr von Ihnen auf die gleichen Turnhallenbänke passten – das sind übrigens noch genau dieselben wie damals – Sportmöbel sind offenbar außerordentlich langlebig und unverwüstlich.

Nicht so langlebig wie die beschränkt formschönen Turnhallenbänke erweisen sich allerdings die Regeln, nach denen an unserer bzw. an allen Hamburger Schulen das Abitur abgelegt werden muss – und da können Sie in der Tat von Glück reden, dass Sie zumindest für ein paar Jahre nach einem sehr modernem Konzept in der Oberstufe unterrichtet werden konnten – die Konzepte der Profiloberstufe, die wir an unserer Schule entwickelt hatten, beinhalteten eine echt fächerverbindende Anlage des Unterrichts, die bestimmt noch nicht endgültig fertig war, aber diese Unterrichtsanlage wies in eine richtige, sehr moderne Richtung, nicht mehr auf einen Kanon an abfragbarem Wissen abzuzielen, den man u. U. sogar auswendig lernen konnte, sondern von verknüpften, z. T. recht praktischen Fragestellungen auszugehen, wie sie in der Forschung oder in Wirtschaft und Industrie gestellt werden oder die sich aus der gesellschaftlichen Organisation unseres Zusammenlebens in Staat und Medien ergeben. Für die Entwicklung dieser Lernarrangements möchte ich den heutigen Erfolgstag nutzen, um mich zusammen mit Ihnen bei den Sie unterrichtenden KollegInnen für die ungeheure Entwicklungsarbeit dieser Profiloberstufe zu bedanken. Die haben echt Herzblut dran gesetzt, damit Sie modern und zukunftsfähig unterrichtet werden konnten und zu danken ist dafür auch den beiden KollegInnen, die dieses übergreifend gesteuert haben, nämlich Frau Dr. Stephan und Herrn Lenz.

Denn ich habe nicht ahnen können, wie weitsichtig mein zugegeben etwas ironischer Beitrag an dieser Stelle vor genau zwei Jahren zum Thema Zentralabitur war, als ich wörtlich den AbiturientInnen 2010 sagte:

»Insofern (angesichts der guten Leistungen) kann man dann auch im nächsten Jahr das Zentralabitur in Ihrer Form auch wieder abschaffen, das gibt’s dann nur noch in drei Fächern – vorerst. Da ich allerdings den Job bei der Bildungsbehörde schon ein paar Tage länger mache, bin ich da ganz zuversichtlich, dass das nicht das letzte Wort ist, denn nach der jetzigen Schulsenatorin gibt’s bestimmt irgendwann mal wieder eine andere, und irgendwas zum Reformieren muss es ja dann auch noch geben«.

Gut, mit der Prognose des Geschlechts des oberverantwortlichen Menschen in der Schulbehörde lag ich voll daneben – aber dass wir jetzt für den Abiturjahrgang 2014 bereits vor dem inhaltlichen Ende der Profiloberstufe stehen, wenn in allen Fächern einheitliche Abiturprüfungen, und das nicht nur für Hamburg, sondern in mehreren Bundesländern, gestellt werden, das macht schon betroffen, nein das macht viele KollegInnen hier im Saale ärgerlich. Es wird damit nicht nur mehrjährige Entwicklungsarbeit ›in die Tonne getreten‹, sondern es wird dann z.B. nicht mehr möglich sein, dass sich die eine Schule – in z.B. einer Kooperation mit der Lufthansa-Technik um alle naturwissenschaftlichen Probleme rund ums Fliegen beschäftigt, während eine andere vertiefte Ausflüge in die Welt der Lasertechnik macht. Sondern alle müssen – überspitzt formuliert – die richtige Antwort auf die Frage wissen: ›Nennen Sie einen deutschen Physiker mit drei Buchstaben, vorn ein O und hinten ein M‹. Einziger Trost wäre dann, dass bei Ausdehnung des Zentralabiturs auf mehrere Bundesländer das Niveau sinken dürfte. Dies wird auch darin deutlich, weshalb die französischen SchülerInnen vor kurzem zu 50 000enden auf die Straße gingen, um gegen die beabsichtigte Abschaffung des Zentralabiturs in Frankreich –  wohl gemerkt zur Qualitätsverbesserung – und für den Erhalt des Zentralabiturs zu demonstrieren – die hatten schlicht Angst, dass die Anforderungen durch ein dezentrales Abitur wie bei uns, deutlich steigen würden. Also können Sie sich, meine lieben frischgebackenen Abiturientinnen und Abiturienten damit rühmen, dass Sie nicht nur ein sehr modernes, sondern auch ein sehr anspruchsvolles Abitur abgelegt haben – und dazu meine volle Anerkennung und mein persönlicher Glückwunsch!

So sind Sie also gut vorbereitet für das richtige Leben und gut anschlussorientiert für weiterqualifizierende Ausbildungsgänge durch vielerlei Praktika und berufsorientierende Veranstaltungen – für deren Organisation ich mich, auch in Ihrem Namen, bei der verantwortlichen Kollegin Frau Otten und all ihren MitstreiterInnen – herzlich bedanken möchte.

Aber gibt es auch etwas, auf dass wir Sie vielleicht nicht genügend vorbereiten und einstellen konnten und sich hiermit und heute die letzte Gelegenheit für mich ergibt, Ihnen ein paar Orientierungen mit auf den Weg zu geben? In dem selbstkritischen Sinne ›Nobody ist perfect‹, denn vielleicht haben auch wir hier am Goethe ein paar blinde Flecken in unserem Ausbildungskonzept – an einem Gymnasium, das von Erfolg zu Erfolg eilt, sich bald vor Anmeldungen nicht mehr retten kann und dessen Abiturzeugnis allein schon wegen des Namens für sie einen Pluspunkt darstellt.

Jedenfalls wurde ich neulich von ein paar  – genau zwei Jahre jüngeren MitschülerInnen mit der Nase auf eine solche Schwachstelle unserer Schulkonzepts gestoßen, als diese sichtlich empört in mein Zimmer stürmten und mich fragten:  ›Wie kommt man in die Schülerkammer?, Wie kann man da Mitglied werden?‹ Ich war natürlich völlig überrascht, denn eine solche, Beteiligung einfordernde Demokratiewütigkeit hatte ich in all den zehn Jahren (und ehrlich gesagt auch früher als Lehrer) noch nie erlebt, obwohl das Goethe-Gymnasium vor einigen Jahren sogar die Landesschulsprecherin gestellt hatte. Nein, die 16jährigen waren stinksauer, dass man ihnen in einer – von ihnen so empfundenen – Nacht- und Nebelaktion völlig neue Abituranforderungen durch oben genanntes Zentralabitur abverlangen wollte. Und jetzt wollten diese Kids sich einbringen, in die entsprechenden Mitbestimmungsgremien gewählt werden und sich an der demokratischen Willensbildung beteiligen und sich eben nicht einfach so als geduldige Opferlämmer auf irgendwelchen bildungsideologischen Altären opfern lassen. Wow, habe ich gedacht, das ist richtig klasse, die krempeln die Ärmel auf, die organisieren eigenständig noch eine Demo  – unglaublicherweise sogar an einem Ferientag nach dem Himmelfahrtstag, also richtig auf eigene Kosten – Respekt, Respekt. Aber mir war auch klar, dass ein solches Vorgehen vermutlich wohl zu spät war, denn die entsprechenden, formaldemokratisch legitimierten Entscheidungen waren in dem Moment, wo die jungen Leute bei mir aufschlugen, längst gefallen und diese werden in der nächsten Woche vermutlich auch in den entsprechenden bürgerschaftlichen Entscheidungsgremien endgültig abgenickt. Was lernen wir aber aus diesem Prozess oder anderen, durchaus vergleichbaren Verfahren zur Gestaltung unserer unmittelbaren Lebenswelt, wie Stuttgart 21 z. B.? Demokratie kann man sicher auf die formalen Abläufe reduzieren, wir gehen alle brav wählen, die so bestallten Abgeordneten machen diesen Plan oder jenes Gesetz, man diskutiert vielleicht die eine oder andere Frage noch in irgendwelchen Ausschüssen, aber die betroffenen Bürger – und damit auch Sie alle – sind in ganz vielen Fällen nicht mehr gefragt. Sie tauchen zwar theoretisch in der Legitimationskette auf, wenn man nämlich davon ausgeht, dass sich der Willensbildungsprozess in den politischen Parteien vollzieht – aber wenn die Bürger sich dort nicht engagieren, ist es mit dem inhaltlichen Volkswillen nicht mehr weit her. Eine einfache Zahl spricht dabei Bände, aber führt auch zu Ihnen und der gesamten jüngeren Generation zurück – wenn das Durchschnittsalter der SPD-Mitglieder bei 56 Jahren liegt, dürften sich Menschen Ihres Alters vermutlich nicht so zahlreich darunter befinden. Bei den anderen etablierten Parteien sollen die Zahlen auch nicht viel besser sein, selbst wenn bei den Grünen dort nur eine 51 vermeldet wird.

Im Ergebnis heißt dass, dass sich unsere jungen Menschen, also auch Sie, zuwenig mit ihren Interessen in die demokratischen Prozesse einbringen.  Und dass auch unsere Schule Ihnen das offenbar zuwenig beibringt. Gut, wir haben einen Schülerrat und deren Vertreter in schulischen Gremien, wir haben hier bei uns sogar in allen 5.-10. Klassen eine wöchentlichen Klassenrat etabliert – das gibt es nicht an vielen Schulen in HH, aber das reicht offenbar nicht. Es hilft auch nicht weiter, über Gy8 zu weinen und die damit verbundene Verdichtung der Lernzeit mit Sprüchen zu beklagen wie ›demokratische Beteiligung braucht Freiräume‹ und die habe die auf den PISA-Schock folgende Schulentwicklung systematisch beseitigt. Auch dass das Fach Politik, Gesellschaft, Wirtschaft als verpflichtendes aus der Oberstufe rausgeflogen ist – ist sicher einer fachlich fundierten Demokratiekompetenz abträglich, erklärt aber nicht die zunehmende Abstinenz der jungen Leute gegenüber demokratischer Beteiligung und Willensbildung.

Wo hapert es also? Was fehlt? Was haben wir, die professionell Schule machen und entwickeln, die für die Zukunft unserer Gesellschaft ausbilden, vielleicht  bisher gar nicht wahrgenommen?

Vielleicht hilft hier der plötzliche, rasante Aufstieg einer neuen Partei mit einem gerade für Hamburg recht ungewöhnlichen Namen weiter, denn bekanntermaßen haben die politisch verantwortlichen Lenker dieser Stadt vor vielen hundert Jahren Piraten einen Kopf kürzer machen lassen. Aber was zeigt uns der Aufstieg einer politischen Formation, der man nachsagt, sie hätte noch kein Programm, man wüsste also nicht, was die eigentlich wollen, aber die trotzdem gewählt werden? Vermutlich ist es genau die Form des Anspruchs der Beteiligungsmöglichkeiten, die mit dem Schlagwort der ›liquid democracy‹ sehr blumig beschrieben wird. Aber diese – dank der neuen Medien – völlig neue Möglichkeit einer politischen Beteiligung bei vielfältigen inhaltlichen politischen Entscheidungen ist offenbar das Faszinosum, das die jungen Leute anzieht – sie, und vermutlich auch Sie fühlen sich damit endlich wieder ernst genommen. Und die anderen Parteien schlafen da offenbar noch einen seligen Dornröschenschlaf – man hat zwar bei den verschiedenen Parteien dezidierte Programme zu Gott und die Welt – aber dass z.B. die Schwarzen ernsthaft die Frage stellen – Betreuungsgeld? finde ich: Schlecht oder gut – und dass derartige Voten auch ernst genommen werden – das fehlt gegenwärtig total.

Viele von Ihnen waren im Profil Gesellschaft und Medien und haben das Handwerkszeug dafür gelernt, auch viele andere sind computeraffin ausgebildet, Sie benutzen soziale Netzwerke wie selbstverständlich, nur sind mittlerweile damit Parallelwelten entstanden. Wir Schulmacher sehen die sozialen Netzwerke als Gefahr, schließlich ermöglichen sie Cybermobbing und andere Übeltätereien. Sie verleben einen großen Teil Ihrer Freizeit darin und halten die Schule als notwendiges Übel davon fern.

Dabei gäbe es viele Schnittmengen – wenn jemand z.B. etwas nicht verstanden hat, könnte es wie im realen Internet innerschulische Hilfeforen geben, die Langsameren auf die Beine helfen. Es könnte schuleigene Wikis geben, wo der Erklärbär Sachverhalte eben nicht auf Fachchinesisch zu vermitteln versucht. Alters- oder Klassengrenzen wären relativ aufgehoben, weil sie für das erstrebte Ziel einer vertiefteren Erkenntnis völlig nebensächlich wären. Und eine schulpolitische oder auch bildungspolitische Auseinandersetzung wäre auf diese Art zu führen und würde die Absolventen eines solchen Goethe-Gymnasiums auch befähigen, bei der Meinungsbildung im politischen Raum des realen Lebens aktiv teilzunehmen.

Das muss allerdings jemand tun. In unserer Schule denke ich, gibt es genügend dynamische KollegInnen, die derartiges in den nächsten Jahren Schritt für Schritt auf den Haken nehmen werden. Aber draußen in der Politik sieht es noch ziemlich finster aus – der Wunsch, die Bürger inhaltlich und echt zu beteiligen, ist selbst in einer so weltoffenen Stadt wie HH noch nicht sehr verbreitet – oder haben Sie jüngst irgendwo die Frage gesehen: Zentralabitur? finde ich….?

Es braucht Leute wie Sie, die sich einbringen und solche Veränderungen einfordern und umsetzen.

Don’t talk about – just do it!